Dominique Fils-Aimé: Streben nach Freiheit

Jan Kobrzinowski03-12-20262 min. Lesedauer

Die kanadische Sängerin Dominique Fils-Aimé arbeitet gern in Trilogien. Nun erscheint «My World Is the Sun» als zweiter Teil ihres bereits zweiten Triptychons.

Ihre ersten drei Alben waren noch stark von Vorbildern wie Billie Holiday, Nina Simone und Etta James inspiriert und in der Erforschung musikalischer Stile verankert, die schliesslich zur Entstehung von Genres führten. Beim Vorgängeralbum «Our Roots Run Deep» (2023) ging es Dominique Fils-Aimé mehr «um Wurzeln, um Bäume und die Natur, die uns umgibt und uns gleichwertig ist. Jetzt habe ich das Gefühl, mit diesem Album eine Phase erreicht zu haben, in der wir andere Aspekte der Natur erkunden, die uns in diesen Elementen ergänzen.» Auf «My World Is the Sun» wendet sich die Sängerin mehr der Gesellschaft und dem sozialen Leben zu. «Diesmal wollte ich mich stärker in der Gegenwart verankern, dadurch auch mehr ich selbst im Prozess sein – musikalisch, aber auch historisch und in Bezug auf meine Werte.» Sie bleibt dabei dem Blues, dem Jazz und den Klängen der haitianischen Heimat ihrer Vorfahren zugewandt, orientiert sich in der Form aber stets an Song, Hymne und Chant. Das auch als Single veröffentlichte «Going Home» ist ein Song mit Hitpotenzial: schlichte Gitarrenbegleitung, Kontrabasstupfer, hooklineartige Gesangslinie. Bei aller scheinbaren Gefälligkeit behält Dominique Fils-Aimés Musik jedoch immer grossen Tiefgang. Sie stellt die ursprünglichen Zutaten der Hymnus-, Work-Song- und Call-&-Response-Traditionen dabei in einen hochkünstlerischen Kontext. Ein schönes Beispiel für ihre Vielseitigkeit und ihren kreativen Umgang mit den Ressourcen ist «The River»: Anfangs noch bluesiges Selbstgespräch, mutiert es in straighten Groove und mündet in karibischen Drive mit Blechbläsersätzen. Und Dominique Fils-Aimé liebt Gesangs-Harmonien: In «Sea of Clouds» und «Sun Skin» spiegeln sich ihre Chant-Melodien facettenreich in sich selbst.
 «Gemeinsames Singen hat definitiv etwas Verbindendes und Vereinigendes», bemerkt sie dazu. «Es ist etwas ganz Besonderes, wenn verschiedene Frequenzen sich verbinden und einen Klang erzeugen, der uns, glaube ich, auf vielen Ebenen berührt.» Die Sängerin, die auch psychotherapeutisch gearbeitet hat, verbindet, wie viele andere Künstler*innen dieser Tage, mit ihrer Musik die Hoffnung auf Heilung der gesamten Menschheit. «Wenn wir Menschen helfen können, sich zu verbinden und ihren eigenen Schmerz zu heilen, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie Empathie entwickeln. Denn im Moment habe ich das Gefühl, dass alles sehr gespalten ist und der Individualismus viele Bereiche beherrscht.» Mit «Life Remains» zeigt sich Fils-Aimé dann von ihrer jazzigsten Seite. Jazz ist für sie «eine Geisteshaltung, die manchmal anders klingt, als man denkt. Ich glaube, dass im Wesen des Jazz eine sehr wichtige Energie und Botschaft schlummert, die wir unbedingt bewahren müssen: das Streben nach Freiheit. Im Jazz ging es schon immer darum, sich von Konventionen zu befreien.»Jan Kobrzinowski, JazzthetikDieser Artikel erschien in der März/April 2026-Ausgabe des Jazzthetik.

Dominique Fils-Aimé im Moods

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