Gregory Hutchinson: Sort of Miles

Jan Kobrzinowski11-04-20264 min. Lesedauer

Alle Welt beschäftigt sich zurzeit mit Miles Davis, auch der Schlagzeuger Gregory Hutchinson. Er hat ein Miles-Album ganz aus der Perspektive des Rhythmikers gemacht.

Gewidmet hat Gregory Hutchinson sein Album all den grossartigen Drummern, die mit dem Trompeter gespielt haben: von Kenny Clarke, Philly Joe Jones und Jimmy Cobb bis hin zu Al Foster, Tony Williams und einigen mehr.Jan Kobrzinowski: Aus rhythmischer Sicht ist bei Miles alles zu finden. Sollte «Kind of Now – The Pulse of Miles Davis» eine Reise durch alle Rhythmen und Stile werden?Gregory Hutchinson: Ich wollte ein Album machen, das die verschiedenen Schaffensphasen von Miles abdeckt. Ich dachte, wenn ich die richtigen Musiker finde, dann konnten wir etwas schaffen, das Miles repräsentiert. Ich wünschte mir, er würde sagen: «Okay, ja, ihr habt das anders interpretiert, es nicht genauso gemacht. Ihr habt die Musik verstanden und verstanden, wo Energie und Stimmung liegen, aber ihr seid einen anderen Weg gegangen.» Genau das haben wir getan. Und ich hoffe, dass jeder das beim Hören spürt. Es sind alle Stile des Jazz-Schlagzeugs vertreten – progressiv und traditionell. Ich fühlte mich als Schlagzeuger wie ein Kind im Spielzeugladen. Es gibt viele Möglichkeiten, aber gleichzeitig muss man genau das tun, was für die Musik nötig ist.Jan Kobrzinowski: War es dir wichtig, so zu spielen, wie Miles es gewollt hätte?Gregory Hutchinson: Es ist unmöglich, Miles‘ Spielweise nachzuahmen. Ich habe z.B. «Fran Dance» immer geliebt, es war für mich immer einer dieser Songs, die einfach swingen. Miles hat es mit einer grösseren Besetzung gespielt. Ich sagte: «Okay, wir spielen es einfach im Trio.» Es gibt eine Version mit Gerald Clayton solo am Klavier, die sollte eigentlich auf die Platte. Das hätte mir völlig gereicht, aber sie passte nicht so recht zum Rest.Jan Kobrzinowski: Wie kam es zur Besetzung auf «Kind of Now»?Gregory Hutchinson: Durch die Neugier. Was werden sie spielen, das mich dazu bringt, etwas anderes zu spielen? Und so haben wir die Platte aufgenommen. Ein Take, maximal zwei. Wir haben uns am Tag zuvor getroffen und die Stücke einstudiert. Und bevor wir mit den Aufnahmen begannen, sagte ich ihnen etwas Entscheidendes: Alles, was wir gestern gemacht haben, ist mir egal. Sag mir nicht, was du gestern gedacht hast, denn vielleicht empfindest du es heute anders. Und genau das kam dabei heraus. Ich kenne die Jungs schon lange, so musste ich sie nicht überreden. Sie haben einfach abgewartet, was ich vorhabe. Ich habe mit jedem von ihnen in seinen jeweiligen Bands gespielt. Ron Blake und ich haben mit Roy Hargrove gespielt. Ich habe auch mit Joe Sanders und Gerald Clayton im Trio gespielt. Mit Ambrose war ich im Trio mit Bill Frisell. Die beiden Neuen waren Jakob Bro und Emmanuel Michael. Ich kannte Bro schon, aber wir hatten noch nie zusammen gespielt, Emmanuel war ein junger Student, den ich an der Manhattan School of Music unterrichten durfte, als ich für Kendrick Scott eingesprungen bin. Als ich ihn Gitarre spielen hörte, dachte ich: Mann, der ist die nächste grosse Stimme an diesem Instrument, der nächste aufstrebende Star. Ich mag es, wenn die Leute ihre Energie und ihre Persönlichkeit einbringen und du niemandem sagen musst, was er tun soll. Wir haben uns alle im selben Geist, in derselben Stimmung gefühlt.Jan Kobrzinowski: Das Album durchläuft quasi die gesamte Geschichte von Miles‘ Musik, aber nicht chronologisch.Gregory Hutchinson: Miles‘ Musik ist immer noch relevant, elektrisierend, swingend, einfach alles. Und voller Lyrik. Normalerweise würde man die Musik vielleicht chronologisch präsentieren. Aber das wäre mir zu einfach, zu langweilig. Lasst uns lieber ein Buch in der Geschichte aufschlagen. Man kann einfach zurückgehen und vielleicht ganz an den Anfang springen. Das ist eine fantastische Art, eine Geschichte zu erzählen. Wenn wir mit der späteren Phase beginnen und man hin und her springt, schliesst man die Augen, setzt sich hin, legt die Platte auf und erlebt, wie unglaublich Miles war. Er hätte all diese Stücke vielleicht ganz anders interpretiert. Und genau das ist das Tolle daran. Es ist, als würde man versuchen, Wesen und Gefühl von Miles zu erfassen, aber gleichzeitig nehmen mich diese jungen Kerle mit auf eine Reise. Ich wollte Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die mich geprägt hat, so präsentieren, dass man eine neue Perspektive auf Miles bekommt. Und die Leute sollen Spass haben. Lehnt euch zurück, ohne vorgefasste Meinungen, hört einfach zu, wie es ist!
«Kind of Now – The Pulse of Miles Davis» ist abwechslungsreich. Es gibt Duette, ein Trio, eine komplette Band mit zwei Gitarren, Schlagzeug-Solostücke und ein wunderbares Intro von Ambrose Akinmusire für Wayne Shorters «Orbits», dessen Entstehung Gregory Hutchinson selbst überrascht hat: «Er fing an zu spielen, und ich sass da und dachte die ganze Zeit: ‹Ich habe keine Ahnung, wie wir da in Orbits reinkommen sollen.› Dann plötzlich legte er los, und wir waren mittendrin. Es sollte sich alles anfühlen wie live. Und genau das war es.»Jan Kobrzinowski, JazzthetikDieser Artikel erschien in der Mai/Juni 2026-Ausgabe des Jazzthetik.

Gregory Hutchinson im Moods

  • «Kind of Now – The Pulse of Miles Davis»

    • Gregory Hutchinson Quintet

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