«Jazz lebt vom Moment»

Marian Märki05-13-20266 min. Lesedauer

Gemeinsam mit dem Schweizer Label UNIT Records startet das Moods die neue Konzertreihe «UNIT live!». Doch welche Idee steckt dahinter? Wir haben mit der künstlerischen Leitung von UNIT Records darüber gesprochen.

Am 23. Mai steht im Moods eine Premiere an – und zwar das Debüt der neuen Konzertreihe «UNIT live!». Dieses Format soll die gesamte Bandbreite des Jazz aus dem Hause UNIT Records auf die Moods-Bühne bringen. Aber warum veranstaltet ein Label selbst Konzerte? Worauf liegt der Fokus? Und warum ist das Moods einer der auserwählten Clubs? Wir haben mit Luca Sisera und Andreas Waelti, der künstlerischen Leitung von UNIT Records, genau diese Fragen gestellt.Luca und Andreas, dass ein Label selbst Konzertreihen veranstaltet, ist eher ungewöhnlich. Was ist die Idee hinter «UNIT live!»?Luca Sisera: Jazz ist wahrscheinlich die unmittelbarste aller Musikformen. Er entsteht im Moment, im Risiko, in der Interaktion zwischen Musiker*innen, Raum und Publikum. Ein Jazzlabel, das ausschliesslich Tonträger veröffentlicht, hat deshalb immer auch etwas leicht Paradoxes. Eine Aufnahme kann dokumentieren, konservieren, sichtbar machen – aber sie bleibt letztlich ein Fragment eines lebendigen Ereignisses. Erst wenn Musiker*innen gemeinsam vor Publikum unbekanntes musikalisches Terrain betreten, entsteht jene besondere Intensität, die diese Kunstform ausmacht. Mit UNIT live! möchten wir genau diesen Gedanken ernst nehmen. Wir verstehen das Live-Erlebnis nicht als Ergänzung zum Label, sondern als dessen eigentlichen Kern. Gleichzeitig ist die Realität natürlich auch eine praktische: Musiker*innen müssen veröffentlichen, um sichtbar zu bleiben. Gleichzeitig sind sie existenziell auf Konzerte angewiesen – denn weder Streaming noch Tonträgerverkäufe tragen heute eine musikalische Existenz.Andreas Waelti: Die Idee ist eigentlich denkbar logisch: Kreative Musik entsteht immer in einem Dialog, und das passiert meistens live. Wenn wir unsere Artists als Label begleiten und sie in ihren künstlerischen Prozessen unterstützen wollen, dann hört unsere Arbeit nicht mit der Veröffentlichung eines Albums auf. Uns geht es darum, die Musik über unterschiedliche Kanäle direkt zu den interessierten Personen zu bringen – und hier gehört das Livesegment definitiv dazu. Wir sind auch überzeugt, dass Livemusik in Zukunft wieder einen höheren Stellenwert als bisher haben wird. Deshalb war UNIT live! von Anfang an ein Teil unserer Idee, wie ein Musiklabel in der aktuellen Zeit funktionieren sollte.Was zeichnet diese Konzertreihe aus? Worauf liegt der Fokus?Luca Sisera: Wir möchten aussergewöhnliche künstlerische Stimmen nicht nur dokumentieren, sondern ihnen auch einen Resonanzraum geben. Die Konzertreihe soll Musiker*innen dabei unterstützen, ihre Arbeit langfristig sichtbar zu machen und ihre künstlerische Entwicklung weiterzutragen. Gleichzeitig geht es uns aber auch um eine kuratorische Haltung. UNIT versteht Jazz bewusst breit – als offene, zeitgenössische Kunstform, die stilistische Grenzen überschreitet und unterschiedliche musikalische Sprachen miteinander verbindet. Entsprechend suchen wir keine spektakulären Effekte, sondern Konzerte mit Tiefe, Persönlichkeit und künstlerischer Eigenständigkeit. UNIT live! soll ein Ort sein, an dem musikalische Risiken willkommen sind und echte Begegnungen entstehen können – zwischen Musiker*innen ebenso wie mit dem Publikum.Andreas Waelti: UNIT live! bringt Musikschaffende und Szenen zusammen und fördert deren Austausch durch langfristige Kollaborationen mit Clubs in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Was uns dabei wichtig ist: Wir arbeiten nicht mit wechselnden Locations, sondern sind daran interessiert, echte längerfristige Partnerschaften zu realisieren. Clubs wie das Le Singe in Biel, Porgy & Bess in Wien oder BeJazz in Bern sind für uns verlässliche Partner, mit denen wir ein gemeinsames Publikum aufbauen und die kreative Musikszene aktiv fördern wollen. Das Konzept der Label Nights ist dabei ein wichtiges Element: Wir organisieren teilweise Konzerte mit zwei UNIT-Acts – mit einer Formation, welche einen regionalen Bezug hat, und einem Act aus einer anderen Sprachregion oder dem benachbarten Ausland, welcher sich so vor einem neuen Publikum präsentieren kann. So entsteht ein Netzwerk innerhalb der Szene, das sich gegenseitig trägt und unterstützt. Und natürlich sehen wir einen grossen Mehrwert in der Vernetzung der unterschiedlichen Szenen und erhoffen uns dadurch im Idealfall auch, neue kreative Impulse zu ermöglichen.Das Moods ist eine der Venues, die ihr ausgewählt habt für diese Kooperation. Warum fiel die Wahl auf das Moods?Luca Sisera: Jazz lebt vom Moment – und damit Musiker*innen im entscheidenden Augenblick wirklich aus dem Vollen schöpfen können, braucht es einen würdigen Rahmen. Das hat oft weniger mit der Grösse einer Venue zu tun als mit Atmosphäre, Betreuung und einer spürbaren Leidenschaft für diese Kunstform. Im Moods ist genau das in besonderem Masse vorhanden. Für uns gehört das Moods zu den wichtigsten und schönsten Jazzclubs Europas. Es gibt dort eine grosse Offenheit gegenüber unterschiedlichen ästhetischen Ansätzen und eine ehrliche Neugier auf zeitgenössische Musik. Auch UNIT versteht Jazz als einen sehr weiten Begriff. Unsere Veröffentlichungen bewegen sich zwischen zeitgenössischem Jazz, improvisierter Musik, experimentellen Formen oder elektronischen Einflüssen. Diese Offenheit spüren wir auch im Programm des Moods. Deshalb fühlt sich diese Zusammenarbeit für uns sehr organisch an.Andreas Waelti: Das Moods verfügt über eine lange Tradition und gehört klar zu den bedeutendsten Jazzclubs in der Schweiz. Für uns ist das keine Frage von Prestige, sondern von Haltung: Wenn man ernsthaft sagt, man will die Jazzszene in der Schweiz stärken und vernetzen, dann führt für uns kein Weg am Moods vorbei. So erreichen wir ein Publikum, das neugierig, offen und musikaffin ist – alles Dinge, die wir als Label suchen. Gleichzeitig ist das Moods ein Ort, an dem fast täglich Konzerte aus den Sparten Jazz, World, Funk, Soul, Pop und Elektro veranstaltet werden. Das passt zu unserem Verständnis einer neuen, offenen, lebendigen und zukunftsorientierten Musikszene.Bald steht die erste Ausgabe bei uns an. Auf was darf sich das Publikum freuen?Luca Sisera: Obwohl UNIT international arbeitet, beginnen wir bewusst mit einem unserer wichtigsten Schwerpunkte: der Schweizer Szene. Die erste Ausgabe wird zwei intime Duo-Konzerte präsentieren – musikalische Formate, in denen sich Nähe, Vertrauen und Improvisation besonders intensiv entfalten können.Andreas Waelti: Wir freuen uns riesig, die Reihe gleich mit zwei wunderbaren Formationen eröffnen zu dürfen, welche beide die Vision und die musikalische Vielfalt unseres Katalogs widerspiegeln. Die beiden begnadeten Instrumentalisten Christoph Irniger und Marc Perrenoud präsentieren mit „New Lines“ ihr gerade neu erschienenes Album, während Tschopp x Lang – mit Charlotte Lang und Matthias Tschopp – die Musik ihres Saxophon-Duos erstmals dem Publikum im Moods präsentieren werden. Besonders ist auch, dass wir diesem Duo durch die von uns initiierte Videoreihe „UNIT Strong Concerts“ im letzten Herbst einen kleinen kreativen Impuls verschaffen konnten – umso schöner ist es nun, die beiden Saxophonist*innen gemeinsam auf der Bühne im Moods erleben zu dürfen.Und auf was freut ihr euch persönlich?Andreas Waelti: Ehrlich gesagt auf den Moment, wenn das Publikum merkt, dass zwischen den Acts etwas passiert – ein Gespräch, eine Begegnung, ein gemeinsamer Moment. Das ist der Kern dessen, was wir aufbauen: nicht ein Event, der konsumiert wird, sondern eine Community, die zusammenwächst. Das Moods hat die Energie dafür. Und wir freuen uns darauf, dort ein neues Kapitel von UNIT live! aufzuschlagen.Luca Sisera: Auf zwei musikalische Dialoge der Sonderklasse. Duo-Formationen haben etwas unglaublich Ehrliches: Es gibt kein Versteck, keine grosse Dramaturgie von aussen. Jede musikalische Entscheidung wird unmittelbar hörbar. Gerade daraus kann eine enorme Intensität entstehen. Ich freue mich auf zwei Konzerte, die zugleich intim und energiegeladen sein werden – voller Nuancen, spontanen musikalischen Wendungen und gegenseitigem Zuhören.

UNIT live! im Moods

  • UNIT live!

    • Tschopp X Lang

      JazzContemporary JazzExperimental Jazz
  • UNIT live!

    Album Release «New Lines»

    • Christoph Irniger - Marc Perrenoud

      JazzContemporary Jazz