Vincent Peirani: Nachdenken über Zeit und Rhythmus

Ruedi Akli02-12-20263 min. Lesedauer

Mit Living Being IV schreibt der französische Akkordeonist Vincent Peirani ein neues Kapitel in seiner Karriere, dieses Mal mit seiner Band aus alten und guten Freunden, mit denen er sich einst von Nizza zur Hauptstadt Paris aufmachte.

Aber halt da. Weshalb Kapitel IV dieser Band? Kapitel II «Night Walker» erschien 2018, aber wo ist Kapitel III geblieben? Es war in voller Planung, als Covid den Aufnahmen einen Strich durch die Rechnung machte. Und danach war den Musikern nicht mehr so richtig darum, erneut in diese Phase einzutauchen. Das Kapitel wurde konsequenterweise übersprungen, was Sinn macht, denn das Kapitel IV unterscheidet sich stark von den ersten zwei CDs. Jeder hat sich in den letzten sieben Jahren weiterentwickelt und neue Ideen sind das Fundament dieser CD mit den «Time Reflections».

Eine Band wie eine Familie

Für Peirani ist diese Band eine Art Familie. Schon im Kindergarten war Yoann Serra sein Spielgefährte. Als Dauergast zur Nizza Connection gestossen ist schon seit der ersten CD im Jahr 2015 Emile Parisien, ein langjähriger Freund und Partner Peiranis in diversen Projekten.Auf dem Erstlingsalbum verarbeitete das Quintett ganz natürlich Stilelemente aus der Biographie der Musiker, zu denen natürlich auch Rock gehört. Beim Erscheinen des zweiten Albums gab Peirani Jazz’n’more eine klare Definition seiner Ambitionen mit Living Being: «Wir wollten eine neue Art Musik machen, die die besondere instrumentelle Besetzung noch mehr ausnutzen, daraus eine Art Kammer-Rock gestalten. Es lag mir immer sehr daran, auf ganz präzise Art zu arrangieren, allen Instrumenten einen egalitären Raum zuzugestehen und das Akkordeon noch mehr zurückzubinden, um ihm den Raum zur Gestaltung der melodischen Linien zu öffnen.»

Sounds aus vier Jahrzehnten

Wenn das 2018 schon sehr gelungen war, mit Rock-Referenzen an Led Zeppelin, so ist Living Being auf dem neuen Album «Time Reflections» noch ein gehöriges Stück weitergekommen, denn der Sound steht noch deutlicher im Vordergrund dieser neun Songs, mit einer Ausnahme alle aus der Feder von Peirani.Time Reflections» ist das Kernstück des Albums. Es fusst hörbar im Kunstrock à la Genesis der frühen Siebzigerjahre. Auch das unmittelbar vorher eingespielte «Clessidra» reiht sich in Zeit und Stil der Siebzigerjahre ein.Die «Bremain Suite» ist ein Medley in Form eines musikalischen Triptychons, das Songs aus drei Jahrzehnten vereint: «I Want You» von den Beatles, «Under Pressure» von Queen mit David Bowie und «Glory Box» von Portishead. Damit wären auch die Sechziger-, die Achtziger- und die Neunzigerjahre in die Zeit-Reflexionen eingereiht.Time bedeutet neben Zeit auch Rhythmus. Das raffinierte Spiel mit den Rhythmen zieht sich durch alle Songs, die vordergründig sehr harmonisch wirken, aber von unerwarteten Wechseln geprägt werden.

Die Bedeutung Peiranis im aktuellen Jazz

Wenn mich das Thema Handharmonika im Jazz schon so lange fasziniert, hat das vielleicht damit zu tun, dass ich selber einst dieses Instrument spielte. Nur war es damals noch nicht wirklich im Jazz angekommen. Es war um 1990, als ich im Pariser FNAC per Zufall einen gewissen, damals noch wenig bekannten Richard Galliano hörte, der gerade sein neues Album vorstellte. Es traf mich wie ein Blitz und in den gut 35 Jahren, die seither vergangen sind, mauserte sich das Akkordeon zu einem der Instrumente im Jazz mit dem höchsten kreativen und progressiven Potenzial. Dies vielleicht gerade auch deshalb, weil es so lange unterbewertet wurde.Galliano war die Gallionsfigur, eine grosse Persönlichkeit, die Klassik, Jazz, Musette und Tango gleichermassen stark vertrat. Er hat sie aber nicht der Fusion preisgegeben, sondern sich bis heute mit grossem Respekt in die verschiedenen Traditionen eingeordnet.Wie Galliano kommt Peirani aus Südfrankreich und ursprünglich von der Musette her. Auch er hat sich dem Tango angenähert, aber vor allem ist er mit dem Rock aufgewachsen, was unüberhörbar ist. Dennoch ist er ein Vollblutjazzer geworden, der drauf und dran ist, mit seinem Verständnis von Akkordeon-Spiel den Jazz neu zu denken und zu verändern. Auf diesem neuen Album realisiert er mit seinen Freunden ein neues Verständnis von Sound, das sich von diversen Stilelementen der letzten Jahrzehnte nährt, immer authentisch, nie in gefälliger Fusion.Ruedi Ankli, Jazz’n’moreDieser Artikel erschien in der November/Dezember 2025-Ausgabe des Jazz'n'more.

Vincent Peirani im Moods

  • «Living Being IV – Time Reflections»

    • Vincent Peirani

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