Frente Cumbiero zählen zu den bedeutendsten Cumbia-Bands weltweit. Aber warum überhaupt? Unser Booker und studierte Musikethnologe Adrian beantwortet diese Frage für uns.
Adrian, kannst du uns kurz erklären, was Cumbia genau ist?Uff … Wie viel Zeit haben wir? Der Ursprung dieses Genres liegt an der Karibikküste Kolumbiens. Von dort verbreitete sich die Musik über Handels- und Verkehrswege ins Landesinnere und später über Schallplatten, Radio und reisende Musiker*innen in ganz Lateinamerika.Was mich an Cumbia so fasziniert, ist, wie die Musik in den verschiedenen Ländern verändert und an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst wurde beziehungsweise wird. In Mexiko entstand beispielsweise die Cumbia Rebajada, bei der kolumbianische Schallplatten verlangsamt abgespielt wurden – was sowohl den Sound als auch das Tanzgefühl veränderte. Im peruanischen Amazonasgebiet entwickelte sich die Chicha, die Cumbia mit andinen Melodien und den psychedelischen Klängen amerikanischer Surf-Gitarren verbindet. In Argentinien wiederum entwickelte sich eine elektronische Cumbia-Szene, die den Rhythmus in die Welt der Clubs und in elektronische Produktionen überführte.Aber auch wenn sich Tempo, Instrumente, Klangfarben und rhythmische Akzente verändern, erkennt man die gemeinsame Herkunft am Ende doch immer wieder: diesen Groove, den treibenden, leicht synkopierten Rhythmus (chu-chucu-chu) und die knackigen Basslines, die einen fast automatisch in Bewegung bringen.Cumbia kommt mir wie eine gigantische Familie vor, die über einen ganzen Kontinent verstreut lebt. Alle Familienmitglieder sind ziemlich unterschiedlich, aber wenn sie nebeneinanderstehen, sieht man ihnen die Verwandtschaft trotzdem an.Du hast Frente Cumbiero ins Moods geholt. Warum?Zunächst einmal scheint sich Cumbia in verschiedenen Szenen gerade einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen. Insofern liegt es nahe, Cumbia-Bands zu buchen. Aus kuratorischer Sicht finde ich das Genre aber auch deshalb spannend, weil man Musiker*innen aus ganz unterschiedlichen Ländern einladen kann und das Publikum trotzdem eine gewisse Vorstellung davon hat, worauf es sich einlässt. Man spricht sowohl ein Cumbia-affines Publikum an als auch Leute, die einen Bezug zu einem bestimmten Land oder einer Region haben.Ausserdem ist es mir ein Anliegen, Cumbia aus verschiedenen Regionen und mit unterschiedlichen musikalischen Hintergründen zu zeigen. Im September hatten wir mit Sonido Gallo Negro eine psychedelische Cumbia-Band aus Mexiko zu Gast, jetzt kommt eine Formation aus Kolumbien. Für November waren die Minyo Crusaders geplant, eine japanische Band, die Cumbia mit japanischen Volksliedern kombiniert, aber leider absagen musste.Durch letztere bin ich auch auf Frente Cumbiero aufmerksam geworden. Die gemeinsame EP Minyo Cumbiero ist sehr gelungen und verkörpert vieles von dem, was ich an Cumbia liebe. Ich habe mich daraufhin etwas näher mit Frente Cumbiero beschäftigt und war ziemlich fasziniert. Also habe ich eine Anfrage geschickt und gewartet. Und gewartet. Und gewartet. Und nachdem ich noch ein bisschen gewartet hatte, hat es dann endlich geklappt. Da sind wir jetzt also…
Was macht ihren Ansatz einzigartig innerhalb der heutigen Cumbia-Szene?Frente Cumbiero beschäftigt sich intensiv mit kolumbianischer Cumbia und anderen musikalischen Traditionen Lateinamerikas. Dieses Wissen verbinden sie mit Einflüssen aus Genres wie Dub, Psychedelia und elektronischer Musik, aber auch mit japanischer Volksmusik und kreieren etwas Eigenes daraus. In Interviews verwenden sie dafür den Begriff «Tropicanibalismo», also tropischen Kannibalismus. Das erinnert an das Konzept des brasilianischen Schriftstellers Oswald de Andrade, das auch die Tropicalia-Bewegung der 1960er-Jahre inspiriert hat. Dahinter steckt die Idee, musikalische Einflüsse nicht einfach zu kopieren, sondern sie sich einzuverleiben und etwas Neues daraus zu machen. Was mich an diesem Ansatz überzeugt, ist, dass musikalische Tradition nicht als starres, unveränderliches Konstrukt verstanden wird. Im Gegenteil: Sie kann neue Einflüsse aufnehmen und so ihre eigene Geschichte weiterschreiben. Sonst besteht irgendwann die Gefahr, dass sie nur noch konserviert wird und im Museum endet.Frente Cumbiero klingt ganz klar nach Cumbia, aber eben auch nach aktueller Musik aus Bogotá: einer Stadt auf über 2'500 Metern über Meer, mit viel Regen, einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von rund 13 Grad und einer sehr aktiven Underground-Szene. Ihr Sound hat für mich etwas Rohes, Ungeschliffenes, Punkiges.
Welche Rolle spielt Frente Cumbiero bei der internationalen Verbreitung der kolumbianischen Cumbia?Am Ende ist wahrscheinlich irgendein seelenloser Social-Media-Algorithmus dafür verantwortlich, dass Cumbia heute auf der ganzen Welt gehört wird. Aber wir wollen hier ja nicht alle Lorbeeren dem Algorithmus überlassen, weshalb ich antworten werde: Frente Cumbiero spielen eine sehr wichtige Rolle. Mario Galeano ist seit vielen Jahren ein wichtiger Akteur in der kolumbianischen und lateinamerikanischen Cumbia-Szene und hat mit seinen verschiedenen Projekten dazu beigetragen, diese Musik einem internationalen Publikum näherzubringen. Frente Cumbiero haben unter anderem mit dem Dub-Produzenten Mad Professor, dem Kronos Quartet und den bereits erwähnten Minyo Crusaders zusammengearbeitet. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie dadurch auch Menschen erreicht haben, die sonst vielleicht nicht unbedingt bei kolumbianischer Cumbia gelandet wären. Dazu kommt, dass sie international touren und mit Musiker*innen aus ganz unterschiedlichen Ländern zusammenarbeiten. So entstehen Verbindungen zwischen Szenen, die sonst vielleicht wenig miteinander zu tun hätten. Ich finde, das ist eine ziemlich schöne Art, Musik zu verbreiten: nicht indem man sie erklärt oder vermarktet, sondern indem man sie spielt, weiterentwickelt und andere dafür begeistert. Und falls man das live erleben möchte: Wir hätten da noch ein paar Billette!