Pirmin Bossart03-22-20246 min. Lesedauer

Die amerikanische Harfenistin Brandee Younger ist auf dem Weg, zu einem neuen Star in der Jazz- Szene zu werden. Ihr Spiel ist ebenso von den Jazz-Harfe-Pionierinnen Dorothy Ashby (1932–1986) und Alice Coltrane (1937-2007) beeinflusst wie von R’n’B, Pop, Soul und Hip-Hop. JAZZ’N’MORE hat mit ihr ein Telefoninterview geführt.

JAZZ’N’MORE: Brandee Younger, Ihr aktuelles Album «Brand New Life» ist eine Hommage an die Harfenistin Dorothy Ashby, von der Sie mehrere Stücke interpretieren.
Brandee Younger: Dorothy Ashby war eine wunderbare Musikerin. Als junge Frau, die Harfe spielte, wurde Dorothy Ashby ein prägendes Vorbild. Ich meine: Sie war eine Frau, eine schwarze Frau und sie war eine Harfenistin, die keine traditionelle Musik spielte. Zu hören, wie sie und natürlich auch Alice Coltrane dieses Instrument in ganz andere stilistische Bereiche einbrachten, hat mir sehr viel bedeutet.
JNM: Können Sie verstehen, warum Dorothy Ashby von den Hip-Hop-Künstlern in den frühen 1990er-Jahren gesampelt wurde?
BY: Auf jeden Fall. Ihre Alben aus den späten 1960er-Jahren, die auf dem Cadet-Label erschienen und von Richard Evans produziert wurden, sind einfach sehr funky. Für einen jungen Beatmaker, der die Plattensammlung seiner Eltern durchforstet und Musik mit einem so starken, fetten Beat, Bass und Schlagzeuggrooves findet, ist das wie ein Paradies.
JNM: Sie haben schon Alice Coltrane erwähnt. Was hatte sie für einen Einfluss auf Ihr Verständnis als Harfenistin und auf Ihre Musik?
BY: Wie Dorothy Ashby war sie eine schwarze Frau, die Harfe spielte und das Instrument in nicht traditionelle Bereiche brachte. Das war für mich sehr wichtig. Alice Coltranes Aufnahme von Blue Nile war das erste Lied, das ich von ihr gehört habe. Wie sie buchstäblich Glissandos spielen konnte, so gefühlvoll durch einen Blues hindurch, das hat mich einfach umgehauen. Ich hatte nie zuvor eine Harfe so klingen gehört. Ich liebte es und wusste: Diesen Sound will ich auch machen.
JNM: Ihr neues Album wurde von Makaya McCraven produziert. Wie habt Ihr zusammengearbeitet? Was war seine Rolle?
BY: Vor ein paar Jahren erzählte ich Makaya von der Platte, die ich machen wollte, und er sagte, dass er gerne ein Teil davon sein würde. Das hat mich sehr gefreut, aber damals wusste ich nicht, wie viel er am Ende tatsächlich für dieses Album einbringen würde. Vieles entstand erst in der Nachbearbeitung, mit seinen Ideen für die Instrumentierung und seinen Arrangements. Er machte die Struktur, brachte alles zusammen und hat viel dazu beigetragen, dass wir das fertige Produkt so hinbekommen haben. Es ist das erste Album, das ich einfach aufgenommen habe, ohne über das Genre nachzudenken oder darüber, was Leute darüber sagen würden. Es hat alles, was mich ausmacht. Der Titeltrack, zum Beispiel, ist ein reiner R’n’B-Track. Er hat Elemente aus dem Soul oder R’n’B der 1970er-Jahre.
JNM: Das Erbe von Dorothy Ashby und Alice Coltrane im Hinterkopf und die Art und Weise, wie Sie spielen und Ihre Musik komponieren, ist auch eine Reflexion der schwarzen Musik. Wie würden Sie die spezifischen Qualitäten der schwarzen Musik beschreiben?
BY: Sehr vieles hat mit dem Groove zu tun. Damit meine ich nicht einfach den Rhythmus, sondern den Groove, dieses Feeling. Beim Unterrichten habe ich den Studierenden auch schon gesagt: Es ist toll, dass ihr all diese Noten spielen könnt, aber wenn ihr einen Auftritt habt, holt ihr die Leute nicht damit ab, wie viele Noten ihr spielt. Sie wollen etwas spüren. Wenn du Musik spielst, geht es um das Gefühl, das du als Zuhörer, als Zuhörerin hast. Das ist es, was überdauert, was zählt. In der schwarzen Musik gibt es dieses Element von «soul». Es lässt sich nicht auf Papier niederschreiben, man kann es nicht lehren in einem Kurs oder an einer Schule. Es kommt von innen. Ich glaube, das ist wirklich der Schlüssel.
JNM: Wie sind Sie als Harfenistin mit der Jazz-Szene in Berührung gekommen?
BY: In der High School war die Marschkapelle wichtig. Unsere Marschkapelle war nach dem Vorbild der historischen Marschkapellen an schwarzen Colleges aufgebaut. Wir haben George Benson gespielt. Earth, Wind and Fire. Michael Jackson. Wenn nicht marschiert wurde, hatten wir eine Jazzband-Saison. Zu dieser Zeit wurde ich von der Flöte zur Posaune versetzt. Also habe ich Posaune gespielt. In der Schule war die Harfe für mich lange kein Thema. In der Jazz-Abteilung auf dem College lernte ich Nat Reeves, Jackie McLean, Steve Davis kennen und sie nahmen mich in ihren Klassen auf. Ich brachte nie meine Harfe mit, aber ich sass in den Klassen und versuchte, alles mitzunehmen, was ich konnte. In der Schule Harfe zu spielen, war mir zu peinlich. So habe ich zuerst in meiner Freizeit versucht herauszufinden, wie man auf der Harfe ein paar Standards spielt. Das war ein langer Prozess.
JNM: Mit den vielen Saiten, dem diatonischen Modus und den Pedalen ist die Harfe ein sehr komplexes Instrument. Was ist die Herausforderung, die Harfe in einem Jazzkontext zu spielen?
BY: Das traditionelle Harfenrepertoire ist schwierig und hat viele Pedalwechsel. Der grosse Unterschied ist, dass im klassischen Repertoire alles ausgeschrieben ist. Jeder Schritt, jede Phrase, jede Dynamik, jeder Pedalwechsel. Es gibt nie ein Rätselraten. Du musst nie zweimal überlegen. Aber wenn du mit der Harfe improvisierst, musst du immer zwei- und dreimal überlegen, was man machen kann, damit die Pedale nicht in der falschen Tonart sind. Deshalb hat mir eine meiner Mentoren, Antoine Roney, immer gesagt: "Übe etwas, das modal ist. So kannst du zumindest in einer Tonart anfangen und dich dann bewegen. Bewege dich zwischen einer oder zwei Tasten hin und her, bis du dich an die Bewegung gewöhnt hast." Die harmonische Bewegung ist herausfordernd auf der Harfe.
JNM: Die Harfe ist ein physisch geradezu monumentales Instrument. Ist es auch eine besondere physische Erfahrung, sie zu spielen?
BY: Wir stützen die Harfe auf unseren Körper auf und das ist wirklich etwas Einmaliges. Die Harfe ist ein riesiger Hohlraum aus einem Stück Holz. Du spürst die Schwingung in deinem Körper, und das hat in gewisser Weise eine heilende Wirkung. Es ist harte Arbeit, weil man viel denken und arbeiten muss, aber wenn du es einfach tun und es fühlen kannst, ist es heilend. Das ist der Grund, warum die Harfe so beliebt ist in der Musiktherapie. Die Vibration zwischen Instrument und Körper erzeugt auf jeden Fall ein starkes Gefühl der Verbundenheit.
JNM: «Brand New Life» ist bereits Ihr siebtes Album. Wie denken Sie, wird sich Ihre Musik weiterentwickeln, was schwebt Ihnen vor?
BY: Eine Sache, die ich machen möchte, ist, mich mehr auf die Soloarbeit zu konzentrieren. Ich denke, dass es mir so weit gelungen ist, das Instrument im Kontext einer Rhythm Section auch jenen Leuten etwas näherzubringen, die die Harfe nicht kannten oder sie vielleicht auch nicht mochten. Nun möchte ich auch das Solospiel intensiver verfolgen, um mich nicht nur in meinem Sound und meinem Spiel weiterzuentwickeln, sondern auch die Wahrnehmung des Instruments bei den Menschen weiter zu fördern.
Interview geführt von Pirmin Bossart
Der Beitrag über Brandee Younger erschien in der Spezial-Ausgabe des Schweizer Jazz & Blues Magazins JAZZ'N'MORE über das Festival da Jazz 2023.
Mehr Infos und Abos auf
www.jazznmore.ch

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