Carte Blanche: Kay Zhang

Brigitta Grimm01-08-20263 min. Lesedauer

Jede Saison verleiht der Musiker*innenrat sechs Cartes Blanches an Zürcher Musikerinnen und Musiker. Eine der Künstler*innen der Saison 2025/2026 ist die Saxophonistin, Kuratorin und Sounddesignerin Kay Zhang. In einem Gespräch erzählte sie mir von ihrem Vorhaben und warum diese Carte Blanche eigentlich gleich drei Künstler*innen verliehen wurde.

Dadurch, dass uns dank der Luftfahrt beinahe der ganze Globus erschlossen ist, scheint unser Planet manchmal lächerlich klein geworden zu sein. Und doch sind sechzehntausend Kilometer eine unvorstellbar grosse Distanz. So weit ist es nämlich bis zu Kay Zhangs Heimatort Melbourne. In Australien aufgewachsen studierte sie ursprünglich klassisches Saxophon, wobei sich im weiteren Studium in Frankreich ihr praktisches Interesse zunehmend in Richtung zeitgenössische klassische Musik verschob. Schliesslich brachte sie der Master in Music Performance nach Zürich an die Hochschule der Künste, was wiederum ihr Feld weiter öffnete: Sie begann vermehrt transdisziplinär zu arbeiten, erforschte Schnittstellen zwischen Musik und visuellen Künsten, zwischen Technologie, Elektronik und Performance.Musik als Mittel der kuratorischen Praxis
Ein transkultureller Austausch nach Hongkong markierte einen weiteren Wendepunkt. Kay Zhang begann, Musik nicht bloss als klangliche Praxis zu verstehen, sondern als Werkzeug für kuratorische und konzeptuelle Projekte. In dieser Zeit gründete sie auch das Kollektiv International Totem (KIT), das dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert und das bis heute zentraler Teil in Kays künstlerischer Arbeit einnimmt. Später folgte ein weiteres Masterstudium in Curatorial Studies und so landete sie schliesslich auch beim unabhängigen Projektraum Les Complices* in Zürich, einem Ort für Ausstellungen, Happenings, Konzerte und Begegnungen, wo sie Teil des Kurator*innen-Teams wurde.
Das Saxophon bleibt dabei ihr zentrales Instrument. Dessen junges Alter und seine hybride Geschichte erlauben stilistische Sprünge: von klassischer westlicher Musik über Jazz, zeitgenössische Komposition und experimentelle Musik bis hin zu Noise, freier Improvisation und musikalischem Theater. «Ich ging auf gewisse Art entlang der historischen Entwicklung dieser Musikstile», sagt sie rückblickend über ihre eigene musikalische Entwicklung von Klassik zu Noise und freier Musik. Musik wird dabei auch zum Medium der Herkunftsfragen: Was bedeutet es, aus einer klassisch-westlichen Tradition zu kommen, wenn Biografie und Zugehörigkeiten anderswo wurzeln?Über die Freude an kollaborativen Ansätzen
Kay Zhangs Praxis ist in der Regel kollaborativ. Projekte entstehen aus Ideen und aus dem Austausch mit anderen Kunstschaffenden. Vieles beginnt als Recherche, führt zu Performances, Lesungen, Listening Sessions, Aktivierungen oder Zusammenkünften. Formatgrenzen interessieren Zhang weniger als die Frage, wie ein Gedanke geteilt und gemeinsam entwickelt werden kann.
Das Kollektiv International Totem arbeitet seit zehn Jahren in dieser Logik. Ausgangspunkt war die klassische Besetzung Saxophon, Klavier und Flöte – ein Format, das im zeitgenössischen Bereich häufig vorkommt, jedoch meist in streng zweigeteilten Situationen: Musiker*innen auf der Bühne, Publikum im passiven Empfang. KIT wollte diesen Rahmen aufbrechen, dem Publikum Erfahrungen bieten und die Beziehung zwischen Bühne und Zuhörer*innen neu ausloten. Video, Kostüm und meta-theatrale Elemente werden dabei zu Werkzeugen, um zeitgenössische Musik erzählerischer, zugänglicher und räumlicher zu machen.Dieser Arbeit, die im Kunstraum Walcheturm aufgenommen wurde, liegt beispielsweise eine Bearbeitung von Peter Eötvös' Atlantis zugrunde, wobei Ensemble und Video die Thematik der versunkenen Stadt auf aktuelle Themen anwendet:
Eine co-kuratierte Carte Blanche: Was dahinter steckt
Kuratieren versteht Kay Zhang als künstlerische Arbeit. Deshalb teilt sie auch ihre Carte Blanche bewusst mit zwei Co-Kurator*innen. «Es geht darum, gemeinsam zu arbeiten», erzählt sie, «und darum zu verstehen, wie andere innerhalb solcher Formate agieren.» Statt selbst im Zentrum zu stehen, lud sie darum die Künstlerin und Performerin Tracy September sowie Stanford Chen ein – zwei Personen, mit denen sie sowohl ästhetische als auch biografische Parallelen teilt. Gespräche über Spiritualität, familiäre Geschichten oder geteilte kulturelle Hintergründe wurden zum Ausgangsmaterial.
Unter dem Übertitel ANCESTRAL ROOTS werden an allen drei Abenden die Themen Herkunft, Identität musikalisch und textlich erkundet, wobei die eingeladenen Künstler*innen wieder ganz andere Erfahrungen mitbringen als die Kurator*innen. Es wird bestimmt ein aufregender Austausch, bei dem auch das Publikum eingeladen wird, sich damit auseinanderzusetzen.Vieles in Kay Zhangs Arbeit beginnt mit Zuhören – nach aussen und nach innen. Das Feld, das sich dabei öffnet, bleibt weit: «Ich stehe noch an der Oberfläche», sagt sie. «Es ist ein lebenslanges Erkunden.»

Kay Zhangs Carte Blanche-Abende:

  • Carte Blanche

    Kay Zhang – ANCESTRAL ROOTS

    • Dumama

      JazzJazz Modern CreativeSpiritual JazzGroove Jazz
  • Carte Blanche

    Kay Zhang – ANCESTRAL ROOTS

    • Holland Andrews & yuniya edi kwon

  • Carte Blanche

    Kay Zhang – ANCESTRAL ROOTS

    • LaTasha N. Nevada Diggs