Lilly Martins Dernière: «Loslassen ist nie leicht, aber es fühlt sich jetzt richtig an»

Marian Märki01-14-20265 min. Lesedauer

Am 23. Januar wird sich Lilly Martin endgültig von den Bühnen der Welt verabschieden. Für ihr allerletztes Konzert hat sich die Ausnahmemusikerin das Moods ausgesucht. Wir haben mit ihr über diesen bewegenden Abend, die schönen Musikmomente und das Loslassen gesprochen.

Sie ist gebürtige New Yorkerin, Tochter einer kubanischen Künstlerfamilie und ein Eckpfeiler der Schweizer Blues-Geschichte: Die Rede ist von Lilly Martin. Martin, die mit dem Swiss Blues Award ausgezeichnet wurde, prägt die Szene hierzulande seit Dekaden. Doch nun soll Schluss sein. Am 23. Januar verabschiedet sie sich im Moods vom Bühnenleben. Doch wie fühlt sie sich dabei? Wir haben mit ihr über diesen emotionalen Abend gesprochen.Lilly, am 23. Januar stehst du ein letztes Mal auf der Bühne. Wie fühlst du dich dabei, wenn du das hörst?Es sind sehr gemischte Gefühle. Da ist Dankbarkeit für alles, was war, Stolz auf den Weg, den wir gegangen sind – und natürlich auch Wehmut. Gleichzeitig fühlt es sich aber auch stimmig an. Nicht traurig im klassischen Sinn, sondern eher rund. Als würde sich ein Kreis schliessen.Das klingt so, als hättest du lange über diesen Schritt nachgedacht. Fiel es dir dennoch schwer, loszulassen?Ja, der Entschluss ist über die Zeit gereift. Mein Leben hat sich verändert, meine Prioritäten auch. Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr alles geben kann und will, was das Tourleben verlangt – die langen Nächte, die Reisen, das ständige Unterwegssein. Loslassen ist nie leicht, aber es fühlt sich jetzt richtig an. Und wichtig: Ich verabschiede mich «nur» von der Bühne, nicht aber von der Musik.Da wären wir beim Stichwort. Musik hat dich dein Leben lang begleitet, so richtig darauf gesetzt hast du aber eher spät. Hättest du im Nachhinein gerne früher auf die Karte Musik gesetzt?Ich habe mich schon früh mit Musik beschäftigt und in New York auch Musik studiert. Mein Weg führte mich jedoch zunächst eher in eine akademische Richtung. Zudem habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, Familie und andere Lebensbereiche zu priorisieren. Rückblickend fühlt sich das alles sehr stimmig an. Ich glaube fest daran, dass Dinge dann passieren, wenn man bereit dafür ist. Meine Lebenserfahrung – all das, was ich vorher erlebt habe – hat meine Musik geprägt. Vielleicht hätte ich früher angefangen, anders zu singen – aber nicht ehrlicher.Wenn du auf deine vier Dekaden Bühnenpräsenz zurückblickst, gibt es Sachen, die du anders machen würdest?Rückblicke liegen mir weniger – mein Blick geht meist nach vorn. Bereuen tue ich nichts. Oder, um es wie Edith Piaf zu sagen: «Je ne regrette rien.»Das klingt so, als wenn du alles richtig gemacht hättest. Welche Momente bleiben dir denn besonders in Erinnerung?Was mir am stärksten in Erinnerung bleiben wird, ist die Verbindung – zum Publikum und zu den Musiker*innen auf der Bühne. Musik ist für mich eine Schwingung, die von Seele zu Seele weitergetragen wird. In diesen Momenten entsteht etwas Gemeinsames, etwas, das grösser ist als die einzelnen Beteiligten. Es sind die Begegnungen, das gegenseitige Vertrauen, das gemeinsame Atmen, Hören und Spüren – auf und neben der Bühne. All das hat diese Jahre so reich und besonders gemacht. Für deine Dernière hast du dir das Moods ausgesucht, was uns sehr ehrt. Was verbindest du mit dieser Bühne?Das Moods begleitet mich seit vielen Jahren. Ich erinnere mich gut an die frühen Zeiten, als das Moods noch in der Nähe des Bahnhofs Selnau beheimatet war – ein kleines, eher kellerartiges Lokal in einem ganz anderen Zürich. Schon damals hat mich die besondere kreative Atmosphäre angezogen: dieser offene Geist, die Nähe zur Musik und die Lust am Experimentieren. Über die Jahre habe ich im Moods viele Konzerte als Zuhörerin erlebt – sowohl an den früheren Orten als auch später im Schiffbau. Diese Konzerte haben in mir den Wunsch geweckt, eines Tages selbst dort zu spielen.Heute blicke ich auf zwei sehr schöne Abende zurück, an denen ich dort mit meiner Band vor vollem Haus spielen durfte. Und so habe ich mich entschieden, dass es auch der perfekte Ort für mein letztes Konzert ist. Ich schätze die Infrastruktur, die Möglichkeiten des Hauses und ganz besonders die Herzlichkeit, Kompetenz und Professionalität des gesamten Teams. All das macht das Moods für mich zu einem Ort mit Seele – und genau deshalb fühlt es sich richtig an, hier diesen letzten Abend zu feiern.
Wann ist für dich denn ein gelungenes Konzert? Was sind deine Massstäbe? Ausverkauftes Haus? Gute Musiker*innen? Gutes Publikum?Ein gutes Konzert entsteht für mich im Moment. Wenn die Band im Flow ist und dieser Funke auf das Publikum überspringt. Wenn man spürt, dass alle im Raum gemeinsam unterwegs sind und sich die Energie gegenseitig trägt. Besonders berührt mich, wenn Menschen mir danach erzählen, dass sie Gänsehaut hatten oder zu Tränen gerührt waren – oder auch unkontrollierte Freude spürten. Dann weiss ich, dass die Musik angekommen ist.Sind das auch deine Erwartungen für deine letzte Show?Ich habe keine grossen Erwartungen an diesen Abend. Ich vertraue darauf, dass er sich so entfaltet, wie es stimmig ist. Ich wünsche mir, dass wir diesen Abend präsent erleben können – ohne Druck, ohne etwas festhalten zu wollen. Es soll ein Abend sein, der nachklingt. Nicht, weil er der letzte ist, sondern weil er echt ist.Du hast es am Anfang bereits angetönt, dass du dich zwar von der Bühne verabschiedest, der Musik aber treu bleibst. In welcher Funktion bleibst du der Musikwelt erhalten?Der Bühnenalltag tritt nun in den Hintergrund, dafür rücken andere Bereiche stärker in den Fokus. Ich werde meine langjährige Arbeit als Vocal Coach sowie meine Songwriting-Zusammenarbeiten weiterführen. Dank meines Musikstudios zu Hause kann ich sowohl vor Ort als auch online Sänger*innen und Songwriter*innen weltweit auf ihrem Weg begleiten.Die Verbindung zur Musikwelt bleibt also bestehen – einfach in einer anderen, ruhigeren Form.

Lilly Martin im Moods

    • The Last Show: Lilly Martin's Farewell to the Stage

      Soul / Blues / FunkBluesSoul